The Instant Voodoo Kit & Friends Cabaret Review Part II.

Sägend-sonore Geräusche des väterlichen Schnarchens durchdrangen alle Ritzen. Unter meiner bauschigen Bettdecke mich bergend, zog ich heimlich, still und leise die Eintrittskarte unter dem Kopfkissen hervor und studierte sie aufmerksam im Kegel des Taschenlampenscheins. Da stand “Theater am Neunerplatz”. Etwa das alte verfallene Theater in der Zellerau, wo seit vielen Jahren, genauer gesagt seit jenem verheerenden Brand dieser kauzige Alte hauste, der einmal im Jahr, immer gerade dann, wenn sich das schreckliche Ereignis jährt, weinend durch die Straßen wallt um für seinen Fehler zu büßen. Er war es gewesen, der den Brand durch eine Fahrlässigkeit verursacht hatte. Dadurch verlor er seine Geliebte, die schönste und talentierteste Schauspielerin des Ensembles an die immerhungrig-züngelnde Feuersbrunst. Sie wurde zum Raub der Flammen. Und er stand blutenden Herzens daneben, doch keine Rettung war in Sicht. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Inzwischen war das Theater wieder aufgebaut worden. Den Alten aber konnte niemand wieder aufbauen, er bliebt von Kummer und Gram gebeugt. Ich hatte sie sinken lassen, während ich hinfort geträumt war, doch jetzt hielt ich mit dem Strahl der Funsel wieder voll auf die Karte. Da war außerdem ein Herr mit Zylinder abgebildet. Er musste wohl der Direktor sein, der mit lauter Stimme und ausladenden Gesten durch einen Abend voller wilder Kreaturen, baumstarker Männer und bärtiger Damen führte. Ich träumte vom erhabenen König der Tiere, dem Löwen aus Afrika und vom russischen Tanzbären, der auch Einrad fahren und zugleich jonglieren konnte. Doch die Wahrheit stellt oft die kühnste Phantasie in den Schatten, wie ich später erfahren sollte. Wieder waren meine Gedanken ihre eigenen Wege gegangen und ich hinkte ihnen hinterher. Ich nahm erneut die Karte hervor und betrachtete sie. Zuletzt fiel mein Blick auf die Schrift. Die güldenen Lettern tanzten Ringelreihen auf ihren Zeilen im schummrigen Licht der Laterne, und in meinem Kopf tanzten schon unbestimmte Schönheiten im Dreivierteltakt Ballett auf den Brettern die die Welt bedeuten. Dann packte ich die Karte wieder weg, dorthin, wo ich sie heimlich verwahrte. Als ich an dem Abend, an dem ich sie geschenkt bekommen hatte, zu Hause angekommen war, schleuderte ich meinen Ranzen achtlos in die nächste Ecke, kickte in vollem Lauf die Turnschuhe von den Füßen und rannte wie von der Tarantel gestochen die Treppen zu meinem Zimmer hinauf. Dort warf ich die Tür hinter mir krachend ins Schloss und drehte den Schlüssel von innen zweimal um. Zur Sicherheit. Außen hing ein Schild, das besagte: “Don’t Disturb”. Das hatte ich während unseres letzen All-Inclusive-Urlaubs auf Teneriffa geklaut. Ich schlidderte nur in Strümpfen über den Boden bis vor mein Bett und zog von dort die Schmuddelhefte hervor, die ich von Andi bekommen hatte. Nach der Scheidung seiner Eltern hatten wir die bei seinem Vater entdeckt, als ich zu Besuch war. Wir teilten die Beute ganz gerecht. Nur der arme Vater tat mir leid, hat jetzt keine Frau mehr und nicht mal geile Heftchen. Ich zog das Erstbeste der Hochglanzmagazine hervor und legte die Eintrittskarte hinein. So hatte ich die Karte während all der Tage versteckt gehalten. Nun steckte ich die Karte wieder ins Heft und verbarg es an seiner geheimen Stelle. Währenddessen dachte ich, dass es unmöglich gewesen wäre, die Karte meinen Eltern zu zeigen, nach allem was sie mir über fremde Menschen, deren meistens niedere Absichten und der generellen Angst, die man vor ihnen zu haben hatte, eingebleut hatten. Wie recht sie damit hatten, zu glauben, dass wer sich auf Fremdes einlässt, oft Unerwartetes erlebt. Und wie unrecht sie hatten, zu glauben, dass dies jederzeit und unter allen denkbaren Umständen schlecht sein müsse…

Fortsetzung folgt…

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